Capitel IV.

Von denen Sterbfällen.

§ 1

Es muß von allen und jeden verstorbenen verheiratheten Eigenbehörigen der Sterbfall gethätiget, inzwischen jedoch bei dessen Anschlag[ 1 ] (besonders wann es einen z.B. Colonum[ 2 ] oder dessen Haus-Frau betrifft) auf obiges Cap. I. 13. angemerktes Privilegium billige reflexion genommen werden.

§ 2

Von denen im ledigen Stande verstorbenen Personen, aber ohngeachtet auch denen selben der Brautschatz wirklich ausgelobet, und verschrieben wäre, wird der Sterbfall nicht entrichtet, und bleibt der unbezahlter Brautschatz dem Erbe, von übrigen ihren acquisitis[ 3 ] oder peculiis[ 4 ] aber soll hierunter ein mehreres gesagt werden.

§ 3

Wiewohl dannoch besagte Ausnahm bei denen nicht Platz greiflich ist, welche nach hinterlegten 50sten Jahre ihres Alters mit Tode abgehen, und dann Hagestoltzen genannt werden. Sintemahlen deren Verlaßenschaft nach ihren Absterben gebräuchlich verzeichnet, und darab der Sterbfall nach vorgangener dessen Thätigung bezahlet, annebst auch dem zeitigen Gogräfen des verstorbenen Kleid nächst dem besten zugeeignet wird, allermaßen gleichwohl ein solches Hagestolzen-Recht nicht bei denen ledigen Weibs-, sondern allein bei denen Manns-Personen oder vulgo alten Herbstgesellen statt findet, zumahlen auch solch auszuzahlender Sterbfall nur von derenselben erworbenen Vorrath, nicht aber von ihren auf der Stätte annoch unbezahlten rückstehenden Kindestheile will zu verstehen sein; indessen Jedennoch, auch in dem Falle, wo der Hagestolz etwa für sich Separatim[ 5 ] nicht acquirirt[ 6 ] haben sollte, der Meyer oder Debitor dotis[ 7 ] von Zahlung etwaigen Sterbfalls-quanti gänzlich befreiet zu sein nicht zu achten sein dürfte.

§ 4

Eheleute, es seie auf der Meierei, Leibzucht, oder auf der Heuer, sind einer des Andern Sterbfall zu thätigen schuldig, und dahingegen ist der Thätiger zu des Verstorbenen Verlassenschaft der nächste, von dem auf den Gütern zuletzt verstorbenen Ehegatten aber thätigt selbigen der Anerbe oder junger Meier, inmaßen eben auch ein solcher von dem letzt ablebenden Leibzüchter dessen Sterbfall nebst den Begräbnißkosten zu bezahlen hat.

§ 5

Obschon es im Lande Delbrück gemeiniglich heißt, daß derjenige, welcher den Sterbfall gethätigt und bezahlt hat, auch des Verstorbenen Erbe sei, so bleibt dannoch dem letzt überlebenden Erblasser, Er sei Meier oder Leibzüchter, nichts desto weniger unbenommen, seine Geldbaarschaften, auch resp.[ 8 ] die auf der Leibzucht erworbenen, sowohl in Händen habende, als bei Andern ausstehenden Geldmittel, Moventien[ 9 ] und Mobilien[ 10 ] bei Lebzeiten zu veräußern, und nach Belieben unter seine Kinder, oder bei deren Abgang unter guten Freunden zu vertheilen, auch ad pios usus[ 11 ], oder sonst, es sei inter vivos[ 12 ] oder mortis causa[ 13 ], verschenken zu können, und muß solchen unangesehen der junge Meier den Erbtheil thätigen und dahingegen mit des Verstorbenen an das Erbe rückfallenden Leibzuchtsgründen, auch sonsten übriger mobilien, welche von der Meierei vorhin auf die Leibzucht gekommen, und der Stette hinwieder accresciren[ 14 ] sich begnügen lassen, so daß daher Anfangs besagtes Sprüchwort nicht indistincte[ 15 ] sondern cum grano salis[ 16 ], mithin dergestalten auch zu verstehen sein will, daß alsdann der Solvens[ 17 ] obberührter Kosten die Verlassenschaft ererbe, wenn nämlich keine andere, oder von dem Verstorbenen keine Kinder, obsonst dessen Wittib oder auch nähere Befreunde vorhanden, welche vor Jenen das Vorrecht haben.

§ 6

Wenn ein Abbestatteter[ 18 ], ohne Nachlassung eines Leibes-Erben im Wittibenstande auf der Heuer oder sonst mit Tode abgegangen, so muß der Colonus, bei welchem der Verstorbene annoch von seinem Kindestheil etwas zurückzustehen gehabt, wegen sothanen Brautschatzes-Rückstandes, die nähern Befreunde aber wegen etwa vorräthiger übriger beweglicher ab intestato[ 19 ] auf sie fallender Verlassenschaft eines solchen Sterbfall thätigen, und die Begräbnißkosten zusammen tragen helfen.

§ 7

Der rückstehende Kindestheil dessen, welcher ohne erwehnten Stande in coelibatu[ 20 ] verstorben, bleibt beim Erbe, wovon selbiger verschrieben, und kann darüber nicht disponirt werden, übrige Verlassenschaft aber, falls darüber keine Disposition gemacht, fällt auf die nächsten Anverwandte.

§ 8

Obzwar §pho 1mo erwähnt, daß von allen verheiratheten Personen der Sterbfall bezahlt werden müsse, so hat es jedennoch mit denen auf dem sogenannten freien Hagen oder Nordhagen wohnenden Graf Rittbergischen Eigenbehörigen dieserhalb folgende merkwürdige Ausnahme, daß nämlich selbiger von denen Meierinnen nicht entrichtet werde, welche zur Zeit ihres Absterbens eine so große Tochter im Leben haben, welche eine brennende Ampel auszublasen fähig ist.


[ 1 ] Anschlag = Veranschlagung
[ 2 ] Colonum = Colon, allgemeine Bezeichnung eines eigenbehörigen Besitzers einer Bauernstelle
[ 3 ] acquisitis = Erworbenes (hier eher in der Bedeutung von Besitz)
[ 4 ] peculiis = Vermögen
[ 5 ] separatim = separat, eigenständig für sich selbst
[ 6 ] acquirirt = Vermögen schaffen
[ 7 ] debitor dotis = Schuldner der Abgabe
[ 8 ] resp. = übliche Abkürzung für respective = beziehungsweise
[ 9 ] Moventien = sich selbst bewegende Güter, z.B. Vieh
[ 10 ] Mobilien = bewegliche Habe
[ 11 ] ad pios usus = zu frommen Zwecken
[ 12 ] inter vivos = zu Lebzeiten
[ 13 ] mortis causa = wegen des Todes
[ 14 ] accresciren = zufallen, hinzufügen
[ 15 ] indistincte = unklar, nicht unterschieden
[ 16 ] cum grano salis = mit der entsprechenden Einschränkung
[ 17 ] Solvens = Zahler bzw. Schuldner
[ 18 ] Abbestatteter = jemand, der vom elterlichen Hof abgezogen ist
[ 19 ] ab intestato = ohne Hinterlassung eines Testaments
[ 20 ] in coelibatu = zölibatär, unverheiratet